Jogltisch Lexikon

Erwähnung und Ursprung

Wie das Wort Jogltisch bereits vermuten lässt, liegt der Ursprung dieses vielseitigen und rustikalen Möbelstückes im „Joglland“. Dieses Joglland ist eine waldreiche Mittelgebirgsgegend in der nordöstlichen Steiermark in den Bezirken Hartberg und Weiz. Diese Bezeichnung leitet sich vermutlich von ‚Jakob‘ (oder aber vom Ort Sankt Jakob im Walde), der in dieser Gegend auch gerne ‚Joggl‘ oder ‚Jackl‘ genannt wird, ab.

Das Joglland

Am nordöstlichen Rand des österreichischen Bundelandes Steiermark erstreckt sich das steirische Joglland, zwischen dem Wechsel, dem Mittelgebirge im Osten Österreichs über den Gebirgsstock (Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark), bis zum oberen Feistritztal.

Das Bundesland ist hier hellgrün eingezeichnet, das Jogelland dunkelgrün.

Als Holzlieferanten überwiegen Fichte und Rotföhre sowie einige inselartige Rotbuchenbestände. Aus diesen Hölzern wurden historisch auch die Jogltische gefertigt.

Die Besiedelung des Jogllandes erfolgte hauptsächlich duch das bereits im 12 Jh. gegründete Augustiner-Chorherrenstift Vorau. Die erste schriftliche Erwähnung eines Jogltisches erfolgte vermutlich um die Mitte des vergangenen Jahrtausends durch Mönche dieses Stiftes, denen ein solcher Tisch im Zuge von Lehensgaben oder in Form einer Schenkung überreicht wurde. Vorau und Pöllau sind auch heute noch die kulturellen Zentren des Jogllandes.

Literarisch beschrieben wurde dieses Gebiet vom steirischen Dichter Peter Rosegger, der in Alpl, im nördlichen Joglland als Sohn armer Bergbauern aufwuchs. Von ihm stammt auch die weiter unten zitierte Szene in der die Bedeutung des Jogltisches als Zentrum bäuerlichen Lebens eindrucksvoll Erwähnung findet.

Der Jogltisch im bäuerlichen Alltag

Seit jeher waren schwere massive Tische in ländlichen Stuben Mittelpunkt bäuerlichen Lebens. Sie bildeten zusammen mit der Feuerstelle, die gleichzeitig zum Kochen genutzt wurde, stets das soziale Zentrum eines solchen Hauses. Hier fand praktisch das gesamte Familienleben statt. Solche Tische dienten zum Einnehmen der Mahlzeiten, hier wurden Gäste empfangen, Verträge geschlossen aber auch Feste gefeiert oder gemeinsam gebetet. Der Jogltisch gilt dabei als besonderes Kunstwerk, da er nicht nur die Funktion eines Tisches innehatte sondern meist auch als ‚Familienkasten‘ diente. Früher verfügten viele Bauernhäuser über keine Schränke zum Aufbewahren von Dokumenten. Fast alles wurde in Truhen verwahrt, in denen die Dokumente und Schriftstücke aber sehr oft verknitterten. Die Geheimfächer im Jogltisch boten hingegen eine sichere Möglichkeit Wichtiges zu verwahren.
Eine Brotlade und Fächerrahmen für das Eßbesteck, waren ebenso verbaut, und machten den Jogltisch zu einem Universal Möbelstück, das fast immer auch liebevoll verziert und gezimmert war. Bis heute finden sich in vielen ländlichen Gehöften des Jogllandes noch solche Tische, die aber zumeist als Familienerbstücke unveräußerlich sind

Detailansicht eines Jogltisches:

Ein Jogltisch gilt als besonders solide und rustikal; Kunstwerk und Ausdruck alter ländlicher Kultur.

Er besticht durch Langlebigkeit und mutifunktionale Bauweise. Mit viel Liebe zum Detail wurden und werden diese Tische auch heute noch gefertigt, und erfreuen sich gerade in letzter Zeit immer größerer Beliebtheit.

 

Aufbau des traditionellen Jogltisches

Nachfolgende Skizze zeigt den ungefähren Aufbau eines Jogltisches. Dargestellt sind die typischen Merkmale des Jogltsiches wie der Vergeltsgott, die verschiebbare Tischplatte und der Raum für diverse Geheimfächer sowie die Bestecklade. Wie in der Skizze dargestellt, können die Tischbeine entweder völlig gerade, oder aber geschwungen und reichlich verziert aufgebaut sein, abhängig vom persönlichen Geschmak des Erbauers oder des Kunden.

Der Jogltisch der Literatur

In den vergangenen Jahrhunderten zählte der Jogltisch zu den wohl konventionellsten Einrichtungsgegenständen im ländlichen Raum. Praktisch das gesamte soziale Leben spielte sich am oder um diesen Tisch ab.So verwundert es nicht, dass er in zahlreichen Erzählungen und Schriften zeitgenössischer Literaten Erwähnung fand.

Ein interessantes Beispiel findet sich in einer Erzählung des österreischischen Schriftstellers Peter Rosegger, der in seinem Buch „Das Haus“ eine Szene am Jogltisch wie folgt beschreibt:“Der Nachbar saß am Tisch, schnitt sich aber nichts vom Brot und wollte von einem gütlichen Vergleich nichts wissen. Da stemmte sich mein Vater an die Tischplatte, diese gab nach und schob sich über das darunter liegende Fach hinweg. Nun zog mein Vater aus den vielen sorglich zusammengebundenen Papieren, die im Gelasse waren, ein Blatt hervor und sagte ‚Wirst eh selber drauf unterschrieben sein‘ und legte es dem Nachbarn vor. Dieser studierte das Schriftstück kurz und zog kleinlaut von dannen. Mein Vater schob die wuchtige Ahornplatte wieder zurück und von dem Tag an wußte ich, wo das Urkundenarchiv des Hauses war.“

Der Jogltisch heute

Gerade in den vergangenen Jahren konnte sich ein neuer Trend in Richtung traditioneller Wohnkultur etablieren. War der Jogltisch in vergangener Zeit ein Möbelstück der bäuerlichen Bevölkerung, zählt er heute zu den exklusiven Stücken und wird, falls überhaupt einmal ein solcher angeboten wird, sehr teuer gehandelt. Original Jogltische sind Einzelstücke, manche weisen Gravuren auf und tragen die Spuren der Jahrhunderte und ihrer Vorbesitzer, sichtbar in einer einzigartigen Patina.

Doch nicht nur die Original – Antiquitäten gewinnen zunehmend an Bedeutung, auch Nachbauten, hergestellt von einigen spezialisierten Meistertischlern erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Waren die Tische früher einzig in bäuerlicher Umgebung zu finden, hält der Jogltisch heute vermehrt Einzug in Einfamilienhäuser und Residenzen im Landhausstil. Durch diesen kulturellen Wandel in der Gesellschaft, gewinnen alte Kulturgüter zunehmend an Bedeutung und helfen ein Stück fantastischer Wohnkultur zu erhalten und neu zu beleben.